Jesus von Nazaret.html

 
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Dieser Artikel behandelt die historische Person Jesus von Nazaret. Für Glaubensaussagen über ihn siehe Jesus Christus im Neuen Testament; weitere Bedeutungen von Jesus siehe Jesus (Name).
Deësis-Mosaik aus der Hagia Sophia, 1280

Jesus von Nazaret (aramäisch ישוע Jeschua oder Jeschu, gräzisiert Ἰησοῦς Iēsoûs) wurde wahrscheinlich vor dem Jahr 4 v. Chr. in Betlehem oder Nazaret geboren und starb im Jahr 30, 31 oder 33 in Jerusalem.

Das Neue Testament (NT) verkündet Jesus als den Christus (Messias, Sohn Gottes). Es ist neben einigen Apokryphen und außerchristlichen Notizen zugleich die Hauptquelle für historische Informationen über Jesus. Daraus rekonstruiert die historische Forschung plausible Grundzüge seines Wirkens.

Danach war Jesus ein Jude aus Galiläa und trat etwa ab dem Jahr 28 öffentlich als Wanderprediger im Gebiet des heutigen Israel und im Westjordanland auf. Angesichts des erwarteten Gottesreichs rief er sein Volk zur Umkehr auf. Wenige Jahre später wurde er von Römern gekreuzigt.

Jesus begrenzte sein Wirken auf Israel (Mt 10,5 EU; 15,24 EU), bewirkte aber die Entstehung einer neuen Weltreligion, des Christentums. Auch außerhalb davon hat Jesus religiöse, kulturelle, politische und persönliche Bedeutung (siehe Jesus außerhalb des Christentums).

Inhaltsverzeichnis

Die Quellen und ihre Auswertung

Jesus hat keine schriftlichen Werke hinterlassen. Fast alles Wissen über ihn stammt aus Erinnerungen seiner ersten Anhänger, die frühestens zehn Jahre nach seinem Tod schriftlich fixiert wurden. Ihre Prüfung und Auswertung unternimmt die historisch-kritische Erforschung des NT. Bibelstellen werden nach der Einheitsübersetzung zitiert und den Loccumer Richtlinien gemäß abgekürzt.

Nichtchristliche Zeugnisse

Hauptartikel: Außerchristliche Notizen zu Jesus von Nazaret

Wenige jüdische, römische und griechische Geschichtsschreiber der Antike erwähnen Jesus, jedoch fast nur seine Hinrichtung, nicht sein Wirken und seine Lehre. Diese Notizen sind zudem quellenkritisch umstritten.

Der jüdische Historiker Flavius Josephus berichtet in seinen Antiquitates Judaicae (20,200) über die Hinrichtung des Jakobus und bezeichnet ihn beiläufig als Bruder Jesu, „der Christus genannt wird“. Diese Notiz gilt vielen Forschern als erste echte außerchristliche Erwähnung Jesu, während andere bezweifeln, dass ein jüdischer Historiker Jesus als „Christus“ bezeichnet hätte. Auch bestimmte Verse im „Testimonium Flavianum“ (Josephus, An. 18,63f) beurteilen sie heute meist als christlichen Einschub in einen verschieden rekonstruierten authentischen Kern.

Tacitus berichtete um 117 in seinen Annales von „Chrestianern“, denen Kaiser Nero die Schuld am Brand Roms im Jahr 64 zugeschoben habe. Er fährt fort (Buch XV,44[1]):

Der Mann, von dem sich dieser Name herleitet, Christus, war unter der Herrschaft des Tiberius auf Veranlassung des Prokurators Pontius Pilatus hingerichtet worden.

Unklar ist, ob diese Nachricht sich auf unabhängige römische Quellen oder bereits auf christliche Überlieferung stützt.

Sueton schrieb um 120 in seiner Biografie des Kaisers Claudius (Kap. 25,4[2]), dieser habe „die Juden, welche, von einem gewissen Chrestos aufgehetzt, fortwährend Unruhe stifteten“, aus Rom vertrieben (49). Ob „Chrestos“ sich auf Jesus Christus bezieht, ist ungewiss.

Weitere Notizen stammen von Plinius dem Jüngeren, dem ansonsten unbekannten syrischen Stoiker Mara bar Sarapion und aus im Talmud gesammelten rabbinischen Quellen. Diese Autoren beziehen sich jedoch nur am Rande oder polemisch auf ihnen bekannt gewordene christliche Überlieferungen.

Christliche Zeugnisse

Informationen über Jesus werden primär aus der Analyse der vier Evangelien, den Paulusbriefen und einigen Apokryphen gewonnen. Diese Schriften stammen von Christen meist jüdischer Herkunft, die an die Auferstehung Jesu Christi glaubten (Mk 16,6 EU) und keine Biografie verfassen, sondern Jesus als den Messias für ihre Gegenwart verkündigen wollten. Ihre historische Zuverlässigkeit ist daher seit Beginn der NT-Forschung umstritten.

Die Paulusbriefe entstanden zwischen 50 und 64. Sie enthalten nur wenige biografische Daten und Jesusworte, zitieren aber einige Glaubensformeln aus der Jerusalemer Urgemeinde, die von Anhängern Jesu aus Galiläa gegründet wurde.

Die drei synoptischen Evangelien spielen auf die Zerstörung des Jerusalemer Tempels an (Mk 13,2 EU; Mt 22,7 EU; Lk 19,43f EU) und wurden daher wohl erst nach dem Jüdischen Aufstand (66–70) schriftlich fixiert. Nach heutigem Forschungsstand gehörte keiner ihrer Autoren zu den ersten Jüngern Jesu.

Den Verfassern des Matthäus- und Lukasevangeliums lag nach der weithin akzeptierten Zweiquellentheorie bereits das Markusevangelium oder eine Vorform davon vor. Von diesem übernahmen sie die Komposition und die meisten Texte, wobei sie diese ihren theologischen Aussageabsichten gemäß veränderten. Sie verarbeiteten außerdem eine Logienquelle mit gesammelten Reden und Sprüchen Jesu, die wahrscheinlich zwischen 40 und 70 schriftlich fixiert worden war.[3] Ähnliche und andere Sprüche Jesu wurden auch in Syrien gesammelt und später im Thomasevangelium fixiert. Diese Stoffe wurden zuvor von der ersten Christengeneration jahrzehntelang mündlich überliefert (Lk 1,2 EU). Ihre frühesten Bestandteile können von Jüngern Jesu stammen und daher originale Rede von ihm enthalten.

Viele NT-Historiker nehmen an, dass Markus ein früher Passionsbericht aus der Urgemeinde vorlag, dem er weitere Überlieferungen voranstellte. Dieser Bericht begann wahrscheinlich mit dem Verrat des Judas Ischariot (Mk 14,10 EU), endete mit der Entdeckung des leeren Grabes Jesu und wurde dann vorn und hinten erweitert. Er führte nach Ulrich Wilckens Credoformeln, die die letzten Lebensstationen Jesu aufzählen, erzählend aus. Dass alle Evangelien vom Einzug Jesu in Jerusalem an demselben festgefügten Ablauf folgen, gilt als starkes Indiz für Alter und Zuverlässigkeit der Passionsüberlieferung.

Das Johannesevangelium enthält nach Meinung heutiger Forscher trotz seiner späteren Entstehung (100–130) unabhängig überlieferte historische Stoffe. Da die Evangelisten ihre Quellen auf je eigene Weise theologisch gestalteten und in ihre Missions- und Lehrabsichten einordneten, lassen ihre Gemeinsamkeiten umso mehr auf einen realen, historischen Kern schließen.

Die Leben-Jesu-Forschung

Seit etwa 1750 entstand eine akademische Leben-Jesu-Forschung, die sich von kirchlichen Vorgaben zu lösen begann. Sie versuchte, historische Informationen von theologischen Deutungen des NT nach wissenschaftlichen Kriterien zu unterscheiden. Seitdem erwägen NT-Forscher jede denkbare Hypothese. Manche bezweifelten Jesu Existenz oder ergänzten spekulativ fehlendes Wissen. Viele der so entstandenen „Jesusbiografien“ gelten seit Albert Schweitzers Geschichte der Leben-Jesu-Forschung von 1899 als überholt.

Seit dem frühen 20. Jahrhundert werden zunehmend außerbiblische Quellen herangezogen, um die historische Glaubwürdigkeit der NT-Überlieferung zu überprüfen. Die Kenntnisse der Archäologie, Sozialgeschichte, Orientalistik und Judaistik vom palästinischen Judentum zur Zeit Jesu sind u. a. durch die Funde der Schriftrollen vom Toten Meer heute gewachsen und haben sich differenziert. Deshalb und dank immer genauerer historisch-kritischer Textanalysen gehen heute auch nichtchristliche Historiker meist davon aus, dass Jesus tatsächlich gelebt hat und sich seine Lebens- und Todesumstände, die Hauptinhalte seiner Verkündigung, sein Verhältnis zu anderen jüdischen Gruppen und Selbstverständnis relativ zuverlässig ermitteln lassen. Einige Forscher halten heute einen impliziten Messiasanspruch und die bewusste Leidensannahme Jesu (Mk 10,45 EU; 14,25 EU) für historisch.[4] Jesu angebliche „Aufhebung“ der Tora und sein Gegensatz zu den Pharisäern haben sich als unhaltbar herausgestellt.

Herkunft

Name

Jesus ist die latinisierte Form des griechischen Ἰησοῦς. Der Genitiv „Ἰησοῦ/Jesu“ folgt der altgriechischer Flexion von Kontrakta der ο-Deklination. Jesus übersetzt das hebräisch-aramäische Jeschua (Kurzform: Jeschu, Langform: Jehoschua). Dieser männliche Vorname setzt sich aus dem Gottesnamen JHWH – Kurzform Je- – und dem hebräischen Verb schua („edel sein“, „um Hilfe rufen“) oder yascha („retten, helfen“) zusammen. Letzteres ergibt das Substantiv jeschu`ah: „[Gottes] Rettung“. Demgemäß deuten NT-Stellen wie Mt 1,21 EU; Apg 4,12 EU u. a. den Namen wie ähnliche hebräische Namen – Hoschea, Jesaja – als Aussage: „Gott ist die Rettung“ bzw. „der Herr hilft“.[5] Auch die gräzisierte Form blieb im damaligen Judentum geläufig und wurde nicht wie sonst üblich mit einem griechischen oder lateinischen Doppelnamen ergänzt oder von ähnlich klingenden Neunamen ersetzt.

In den Evangelien wird Jesus einige Male „Josefs Sohn“ (Lk 3,23 EU, 4,22 EU), „Jesus, Josefs Sohn aus Nazaret“ (Joh 1,45 EU) oder „Sohn der Maria“ (Mk 6,3 EU; Mt 13,55 EU) genannt. Meist jedoch erhält er den Zusatz Nazarenos oder Nazoraios, den die Evangelisten auf seine Herkunft aus Nazaret bezogen (Mk 1,9 EU). Mt 2,23 EU erklärt dies mit einer Weissagung, die wörtlich in der Hebräischen Bibel nicht vorkommt:

(Josef) ließ sich in einer Stadt namens Nazaret nieder. Denn es sollte sich erfüllen, was durch die Propheten gesagt worden ist: Er wird Nazoräer genannt werden.

Die meisten Ausleger finden hier eine Anspielung auf Jes 11,1 EU, wo der Messias „Spross“ (nēṣer, נֵצֶר) Davids genannt wird. Damit könnten die Evangelisten die Fremdbezeichnung Jesu als Nazoraios umzudeuten versucht haben (so in Mt 26,71 EU; Joh 19,19 EU), da diese in ihrem Umfeld wohl herabsetzend gemeint war (Joh 1,46 EU). Der Ausdruck wurde auch für Christen im syrischen Raum gebraucht (nasraja) und ging in den Talmud als noṣri ein.[6]

Manche Exegeten vermuten zudem einen Zusammenhang von Nazoraios mit Nasiraios. Ein Nasiräer war ein Asket, der einen Eid schwor, sich die Haare nicht mehr zu scheren, keine gegorenen Traubensäfte zu trinken und sich keiner Leiche zu nähern (Num 6,2-7 EU); sein biblisches Urbild war Simson (Ri 13,5.7 EU, 16,17 EU).[7] Anders als Johannes der Täufer hat Jesus jedoch Wein getrunken (Mk 2,22 EU; Mk 14,23 EU), Tote berührt (z.B. Mk 5,41 EU) und jeden Eid abgelehnt (Mt 5,34 EU).

Geburtsort, Geburts- und Todesjahr

Historiker beurteilen die beiden Geburtsgeschichten des NT weitgehend als Legenden, da sie in der Logienquelle und im ältesten Evangelium fehlen, sich untereinander stark unterscheiden und viele mythische und legendarische Züge enthalten.[8] Dies gilt auch für das apokryphe Kindheitsevangelium nach Thomas, das von Wundertaten des Knaben Jesus erzählt.

Mt 1–2 und Lk 1–2 wollen Jesus als Messias verkünden und stellen seine Geburt dazu in den Rahmen biblischer Verheißungen. Der unbelegte Kindermord des Herodes (Mt 2,13 EU) etwa erinnert an den Kindermord des Pharao vor Israels Auszug aus Ägypten (Ex 1,22 EU): So wird Jesus wie Moses als Befreier des Gottesvolks dargestellt.

In Betlehem, einer Kleinstadt nahe Jerusalem, sollte nach biblischer Weissagung der Messias geboren werden (Mi 5,1 EU). Damit bezeugen Mt 2,1.6 EU und Lk 2,4 EU Jesu Abstammung vom König David. Die meisten Historiker nehmen eher an, dass Jesus in Nazaret, dem Geburtsort seines Vaters und Wohnort seiner Familie (Mk 6,1ff EU; Mt 13,54 EU), wo er „erzogen“ wurde (Lk 4,16.22 EU), auch geboren wurde.[9]

Geburtstag und -jahr Jesu waren schon den Urchristen unbekannt. Nach Mt 2,1 EU wurde er vor dem Tod Herodes des Großen (4 v. Chr.) geboren, nach Lk 2,2 EU bei einer „ersten“ römischen Volkszählung unter Publius Sulpicius Quirinius. Dieser wurde jedoch erst 6 n. Chr. Statthalter Syriens und Judäas. Eine frühere Steuererhebung dort ist unbekannt.

Der Stern von Betlehem, der orientalische Astrologen zu Jesu Geburtsort geführt haben soll (Mt 2,2 EU), verkündet ihn als kosmischen Erlöser. Ob damals ein besonderes Himmelsphänomen zu beobachten war, ist ungewiss. 7 v. Chr. gab es in Palästina eine außergewöhnliche Sternenkonjunktion. Darum nehmen Exegeten an, dass Jesus zwischen 7 und 4 v. Chr. geboren wurde.[10] Die christliche Zeitrechnung, die das Jahr Eins auf Jesu Geburt folgen lassen wollte, beruht auf einem Rechenfehler.

Die vier Evangelien berichten zusammenhängend nur aus Jesu letzten Lebensjahren. Nach Lk 3,1 EU – der einzigen exakten Jahresangabe im NT – trat zuvor Johannes der Täufer „im 15. Jahr der Herrschaft des Kaisers Tiberius“ auf: Demnach trat Jesus frühestens ab dem Jahr 28 wohl seit der Gefangennahme des Täufers öffentlich auf (Mk 1,14 EU).[11] Damals soll er 30 Jahre alt gewesen sein (Lk 3,23 EU).

Jesu Todesjahr in der Amtszeit des Pontius Pilatus als Statthalter Judäas (26-36) ist nicht überliefert. Nach allen vier Evangelien wurde er am Vortag eines Sabbat, also an einem Freitag gekreuzigt. Für die Synoptiker war es der Hauptfesttag des Pessach nach dem Sederabend: der 15. Nisan im jüdischen Kalender. Für das Johannesevangelium dagegen war es der 14. Nisan, also zugleich der Rüsttag zum Pessachfest. Nach kalendarischen und astronomischen Berechnungen fiel der 15. Nisan in den Jahren 31 und 34, der 14. Nisan dagegen 30 und 33 auf einen Freitag. Die meisten NT-Historiker halten 30 für das wahrscheinlichste Todesjahr, weil Paulus von Tarsus zwischen 32 und 35 bekehrt wurde.[12] Jesus wurde demnach zwischen 30 und 40 Jahre alt.

Familie

El Greco – „Die heilige Familie“, 1604

Jesus war nach Mk 6,3 EU und Lk 1,27 EU das erste Kind von Maria und galt nach Lk 4,22 EU als Sohn von Josef, beide aus Nazaret. Seine Vorfahrenlisten (Mt 1; Lk 3) betonen seine väterliche Stammlinie und stellen ihn als Nachkommen Abrahams und König Davids dar (vgl. Röm 1,3 EU). Mt 1,18 EU; Lk 1,35 EU betonen, Jesus sei vom Heiligen Geist gezeugt und einer Jungfrau geboren worden. Sie nennen Maria parthenos, was in der Septuaginta das hebräische Wort alma für „junge Frau“ übersetzt. Gal 4,4 EU und Offb 1,1.5 EU dagegen sprechen von einer „Frau“. Martin Karrer sieht darin „ein Indiz, 'Jungfrau' neutestamentlich nicht überzubetonen“ und nicht als historische Aussage aufzufassen.[13]

Einige Stellen des Talmud stellen einen Jesus als uneheliches Kind dar; ob sie sich auf den Nazarener beziehen, ist fraglich. Gerd Lüdemann vermutet im Anschluss an Celsus, ein Römer habe Maria vergewaltigt. Daraus erklärt er Jesu Benennung als „Sohn der Maria“ anstelle des üblichen „Jeschua ben Josef“ und seine Außenseiterrolle in seiner Heimatstadt. Urchristen hätten dies zur göttlichen Herkunft umgedeutet.

Nach Mk 6,3 EU hatte Jesus vier Brüder – Jakobus, Joses (= Josef, Mt 13,55), Judas, Simon – und einige Schwestern, deren Zahl und Namen nicht überliefert sind. „Brüder“ und „Schwestern“ kann im biblischen Wortgebrauch auch entferntere Verwandte umfassen (siehe Geschwister Jesu). Laut Lk 2,43 EU ging Jesus schon als Junge zur Familie auf Distanz, um im Jerusalemer Tempel mit Schriftgelehrten zu diskutieren. Nach seiner Taufe erwähnen die Evangelien Josef nicht mehr.

Das vierte der Zehn GeboteEhre Vater und Mutter (Ex 20,12 EU) – verlangte damals die Fürsorge des ältesten Erben für seine Sippe. Doch zu Jesu Nachfolge gehörte das Aufgeben der familiären Bindungen (Mt 10,37 EU, Lk 14,26 EU). Sein Umherziehen, Predigen und Heilen ließ zwar die Schar seiner Anhänger wachsen, provozierte jedoch Konflikte mit seinen Verwandten. Sie versuchten, ihn zurückzuhalten und erklärten ihn für verrückt (Mk 3,21 EU). In diesen Kontext gehören Aussagen wie Mk 3,33–35 EU:

Er erwiderte: Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder?
Und er blickte auf die Menschen, die im Kreis um ihn herumsaßen, und sagte: Das hier sind meine Mutter und meine Brüder.
Wer den Willen Gottes erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.

Er hob damit das vierte Gebot nicht auf (Mk 7,10f EU), legte es aber konträr zur jüdischen Tradition aus: Achte nur die als deine Angehörigen, die Gottes Willen tun. In Nazaret sei seine Lehre abgelehnt worden (Mk 6,1–6 EU par.). Daraufhin habe er seine Heimatstadt verlassen und sei auch nicht mehr dorthin zurückgekehrt. Aber Frauen aus Jesu näherer Umgebung sorgten für ihn und die übrigen Männer auf ihrem Weg (Mk 1,31 EU). Sie blieben bis zum Ende bei ihm (Mk 15,41 EU), so nach Joh 19,26f EU auch seine Mutter. Er soll noch am Kreuz für ihr Wohlergehen gesorgt haben, indem er sie einem anderen Jünger anvertraute.

Obwohl es in Joh 7,5 EU heißt: Seine Brüder glaubten nicht an ihn, gehörten einige Verwandte Jesu, auch seine Mutter, nach Ostern zu den ersten Christen (Apg 1,14 EU; 1_Kor 9,5 EU). Paulus lernte Jakobus und andere Verwandte Jesu bei seinem ersten Jerusalembesuch persönlich kennen (Gal 1,19 EU). Später wurde Jakobus aufgrund seiner Auferstehungsvision (1_Kor 15,7 EU) einer der Leiter der Urgemeinde (Gal 2,9 EU).

Sprache, Ausbildung, Beruf

Giotto di Bondone – „Jesus mit den Toralehrern“

Als galiläischer Jude sprach Jesus im Alltag das westliche Aramäisch. Das bestätigen einige aramäische Jesuszitate im NT. Ob man griechische Ausdrücke und Redewendungen ins Aramäische zurück übersetzen kann, ist seit Joachim Jeremias ein wichtiges Kriterium, mögliche „echte“ Jesusworte von urchristlicher Deutung zu unterscheiden.

Hebräisch, die Sprache der Heiligen Schrift Israels, wurde in Palästina zur Zeit Jesu kaum noch gesprochen. Jesus kann es dennoch beherrscht haben, da er die Bibel gut kannte und in den Synagogen Galiläas vorlas und auslegte. Er kann Bibeltexte auch über aramäische Übertragungen (Targumim) kennengelernt haben.[14] Ob er zudem die griechische Koine – damals Verkehrssprache im Osten des Römischen Reichs – beherrschte, ist unbelegt.

Nur Lk 2,46f EU bezieht sich in den Evangelien auf Jesu Jugendzeit. Danach beeindruckte er die Toralehrer schon mit zwölf Jahren mit seiner guten Bibelkenntnis. Diese erwarben sich Kinder ärmerer jüdischer Familien, die keine Schriftrollen besaßen, durch regelmäßigen Besuch einer Synagoge. Nur dort konnten Toraschüler auf dem Land damals auch lesen und schreiben lernen. Nach Lk 4,16 EU las Jesus in der Synagoge von Nazaret aus der Tora vor, bevor er sie auslegte. Auch nach Mk 6,2f EU predigte er dort; jedoch betont das älteste Evangelium gerade, dass die Hörer Jesus das Predigen nicht zutrauten und dieses sich von der traditionellen Schriftauslegung unterschied. Ähnlich wunderten sich die Hörer in Joh 7,15 EU: Wie kann dieser die Schrift verstehen, obwohl er es nicht gelernt hat? Doch Jesu häufige Frage an seine Hörer Habt ihr nicht gelesen…? (Mk 2,25 EU; 12,10.26 EU; Mt 12,5 EU; 19,4 EU u. a.) setzt seine Lesefähigkeit voraus. Nach Joh 8,6.8 EU schrieb oder zeichnete er im Verfahren gegen eine Ehebrecherin mit dem Finger auf den Boden; was, wird nicht gesagt.

Jesu Predigt- und Argumentationsstil ist rabbinisch (Halacha und Midraschim). Seine Sabbatheilungen (Mk 2–3) und der Vorrang der Nächstenliebe vor allen übrigen Geboten (Mk 12,28ff EU) ähneln den vorherigen Lehren des Hillel (ca. 30 v. Chr. bis 9 n. Chr), seine Armenfürsorge, seine Heilwunder und die Tateinheit von Beten und Almosengeben dem späteren Auftreten von Chanina Ben Dosa (um 40–75), dem berühmtesten Vertreter des galiläischen Chassidismus. Daher ordnen NT-Forscher Jesu Tora-Auslegung heute ganz in das damalige Judentum ein. Jüdische Exegeten wie Pinchas Lapide folgern daraus, er müsse eine Toraschule besucht haben.[15]

Seine ersten Jünger nannten Jesus „Rabbi“ (Mk 9,5 EU; 11,21 EU; 14,45 EU; Joh 1,38.49 EU; 3,2 EU; 4,31 EU u. a.) oder „Rabbuni“ (Mk 10,51 EU; Joh 20,16 EU). Die aramäische Anrede bedeutet „mein Meister“ und entsprach dem griechischen διδασκαλος für „Lehrer“. Sie drückte Ehrerbietung aus und gab Jesus denselben Rang wie den Pharisäern, die für die Deutung mosaischer Gebote zuständig waren und sich ebenso bezeichneten (Mt 13,52 EU; 23,2.7f EU). Ein Rabbi lebte von einem gewöhnlichen Handwerk, nicht vom Lehren.

Als erster Sohn einer frommen jüdischen Familie lernte Jesus den Beruf seines Vaters (Mk 6,3 EU; Mt 13,55 EU). Josef war Bauhandwerker (griech. τεκτων, oft irreführend als „Zimmermann“ übersetzt), also wohl im Haus- und Schiffbau tätig. Als Junge musste Jesus vermutlich beim Broterwerb für die Familie helfen (Lk 2,51 EU). Dass er dieses Handwerk ausübte, ist jedoch unbelegt. Der Theologe Willibald Bösen nahm an, dass er mit Josef im etwa acht Kilometer entfernten Sepphoris arbeitete, da das Dorf Nazaret einer mindestens siebenköpfigen Familie nicht genug Lebensunterhalt geboten hätte.[16] Dem hielt Sean Freyne entgegen, dass Jesus die von Herodes Antipas erbauten und beherrschten Städte bewusst mied, da sie frommen Juden als unrein galten und die Herodianer ihn später als Anhänger des Täufers Johannes verfolgten (Mt 14,13 EU).[17]

Wirken

Johannes und die Taufe im Jordan

Andrea del Verrocchio – „Taufe Christi“, 1475

Nach allen Evangelien begann Jesus nach seiner Taufe durch den Bußprediger Johannes öffentlich aufzutreten. Diese deuten die Synoptiker als Gottes Berufung zu seinem geistbegabten „Sohn“ (Mk 1,11 EU).

Sie stellen Johannes als Prophet des nahen Endgerichts dar (Mt 3,7–12 EU; Lk 3,7ff EU). Nach Lk 1,5 EU stammte er aus einer Priesterfamilie und lebte nach Lk 1,80 EU in der unbewohnten Wüste als Asket. Seine Taufe bot Vergebung an und setzte ein Sündenbekenntnis voraus (Mk 1,4f EU). Flavius Josephus (Ant.18, 116–119) stellt Johannes dagegen wie einen hellenistischen Philosophen und die Taufe als Ritual zur Körperreinigung dar.[18]

Nach Mk 1,7 EU und Lk 3,16 EU kündigte Johannes einen „Stärkeren“ und eine Geist- bzw. Feuertaufe an. Nach Mt 11,2ff EU (Bist du der Kommende?) erwartete der bereits inhaftierte Täufer einen irdischen Messias. Alle Evangelien betonen seine Vorläuferrolle gegenüber Jesus. Sie sehen in ihm den letzten Propheten des Alten Bundes vor der Ankunft des geistbegabten Messias und heben den Zeugnischarakter seiner Botschaft gegenüber dem ihm überlegenen, endgültigen Heilsbringer hervor (Mt 3,11 EU; Joh 1,7f EU; 3,28ff EU u. a.).

Joh 3,22ff EU zufolge taufte Jesus eine Weile parallel zu Johannes. Eventuell folgten einige der Jünger des Täufers Jesus nach: So habe er die Brüder Simon Petrus und Andreas kennen gelernt (Joh 1,35–42 EU). Daraus folgert man Nähe und Austausch zwischen beiden Gruppen (Joh 4,1 EU), ohne die Unterschiede zu übersehen: Jesus übernahm den endgültigen Umkehrruf von Johannes, lehnte aber Fasten und Askese für seine Jünger ab (Mk 2,16–19 EU) und pflegte die Tischgemeinschaft mit Gruppen, die nach der geltenden Tora-Auslegung als „Unreine“ galten.

Nach Martin Karrer übernahm Jesus von Johannes das Motiv des Gerichtsfeuers und damit den apokalyptischen Grundzug seiner Reich-Gottes-Predigt (Lk 12,49 EU):[19]

Ich bin gekommen, ein Feuer auf Erden anzuzünden; ich wünschte nichts lieber, als dass es schon brenne!

Gebiet des Auftretens

Orte, an denen Jesus öffentlich gewirkt haben soll.

Jesus gilt in der neueren Jesusforschung als „Wandercharismatiker“, der von einem „charismatischen Milieu“ im damaligen Galiläa beeinflusst war und dessen Lebensstil die Urchristen weiterführten.[20] Er sah sich nur zu den „verlorenen Schafen des Hauses Israel“ gesandt (Mt 10,5 EU, Mt 15,24 EU).

Seine Reisewege lassen sich nicht mehr genau rekonstruieren. Viele Ortsangaben der Evangelien sind redaktionell und spiegeln bereits die Ausbreitung des Christentums zu ihrer Abfassungszeit (Karl Ludwig Schmidt). Doch Jesus wanderte den ersten öfter erwähnten Ortsnamen zufolge zunächst am Nordufer des Sees Genezareth zwischen Kafarnaum, Magdala, Bethsaida und Chorazim. Weiter südlich wirkte er in Nazaret, Kana und Nain. Er wirkte auch im heutigen Westjordanland (Gerasa, Mk 5,1 EU) sowie im heutigen Südlibanon (Tyros und Sidon, Mk 7,24 EU). Eventuell streifte er auch durch Samaria (Joh 4,5 EU gegen Mt 10,5 EU). Diese Provinz Palästinas gehörte früher zum Nordreich Israel, das den Jerusalemer Tempelkult des Südreichs Juda ablehnte. Von Römern und Herodianern erbaute Städte wie Sepphoris, Tiberias und Cäsarea Philippi (Mk 8,27 EU) betrat Jesus laut NT nicht, wohl weil fromme Juden die Besatzer ablehnten und die Herodianer ihn verfolgten (Mk 3,6 EU). Dies kann erklären, dass damalige jüdische und römische Quellen ihn nicht erwähnen.

In Kafarnaum soll Jesus nach Mk 1,21ff EU und Lk 4,23 EU zuerst aufgetreten sein. Nach Mt 4,12f EU zog er zu Beginn in das dortige Haus des Petrus ein und kehrte dorthin öfter von seinen Reisen zurück (Mk 1,29 EU; 2,1 EU; 9,33 EU; Lk 7,1 EU). Mt 9,1 EU nennt den Ort daher „seine Stadt“. Dieses Fischerdorf lag damals genau an der Grenze zwischen dem Gebiet des Herodes Antipas und des Philippus. Vielleicht wählte Jesus hier sein Hauptquartier, um vor herodianischer Verfolgung über die Grenze fliehen zu können (Lk 13,31ff EU).

Ausgrabungsstätte in Kafarnaum

Archäologen (V. Corbo, H. Charlesworth) fanden in Resten ärmlicher Häuser aus dem 1. Jahrhundert Kalkinschriften, die Jesus mit verschiedenen Hoheitstiteln und Petrus nennen und Spuren kultischer Zusammenkünfte zeigen. Man nimmt daher eine frühchristliche Kultstätte an, die eventuell über dem Haus des Petrus erbaut wurde.[21]

Verkündigung des Gottesreichs

Reichenauer Schule – „Christus spricht zu den Jüngern“, 1010

Hauptartikel: Reich Gottes

Jesu Botschaft vom „Reich Gottes“ stand im Zentrum seiner Verkündigung (Mk 1,16 EU) und knüpfte an die biblische Prophetie besonders Deuterojesajas und der Apokalyptik Daniels an. Sie wird seit den Forschungen von Johannes Weiß und Albert Schweitzer als radikale von Gott, nicht Menschen herbeizuführende Wende gedeutet. Die Evangelien erläutern den Begriff nicht näher, sondern veranschaulichen ihn durch konkrete Handlungen, Gleichnisse und Lehrgespräche, während an Nichtjuden adressierte NT-Texte ihn selten verwenden. Dies gilt als Indiz dafür, dass er Jesu Hörern vertraut war.[22]

In Jesu Rede stehen Aussagen, die Gottes Reich als unmittelbar bevorstehend ankündigen, neben Aussagen, die es als schon angebrochen zusagen oder voraussetzen. Deshalb stritt die Forschung früher darüber, ob eher die „futurische“ (u.a. Albert Schweitzer) oder „präsentische“ (u.a. Charles Harold Dodd) Eschatologie auf Jesus zurückgehe. Seit etwa 1945 lösen Exegeten das paradoxe Nebeneinander nicht mehr literarkritisch durch Trennung von „echten“ und „unechten“ Jesusworten auf, sondern beurteilen beide Aspekte wie in der matthäischen „Vaterunser“-Version (Mt 6,9–13 EU) als authentisch.[23]

Apokalyptische, den baldigen Weltuntergang andeutende Worte sind die Vision vom Sturz Satans (Lk 10,18ff EU) oder das Streitgespräch darüber, ob Jesus seine Heilkraft von Beelzebub oder Gott empfangen habe (Mt 12,22ff EU par.). Hier erscheint sein eigenes Handeln als Beginn des Reiches Gottes, mit dem das Reich des Bösen bereits entmachtet wird. Der „Stürmerspruch“ (Mt 11,12 EU) legt nahe, dass dieses Reich mit einem gewaltsamen Konflikt zu tun hat, der seit dem Auftreten des Täufers Johannes bis in Jesu Gegenwart andauert.[24] In Mk 1,15 EU ist die Verhaftung des Täufers der Anlass für das Jesuswort Die Zeit ist erfüllt, das den Beginn seines Wirkens markiert.

In den der Logienquelle zugewiesenen „Seligpreisungen“ (Lk 6,20ff EU, Mt 5,3ff EU) wird Gottes Reich den aktuell Armen, Trauernden, Machtlosen, Verfolgten als schon gegenwärtig und gewiss kommende gerechte Wende zur Aufhebung ihrer Not zugesagt. Sozialhistorische Untersuchungen von Gerd Theißen (Soziologie der Jesusbewegung), Norbert Perrin, John Gager, John Dominic Crossan u. a.[25] erklären solche Texte auch aus damaligen Lebensumständen: Juden litten unter Ausbeutung, steuerlichen Abgaben für Rom und den Tempel, täglicher römischer Militärgewalt, Schuldversklavung, Hunger, Epidemien und sozialer Entwurzelung.[26]

Indem die Evangelien Jesu Auftreten als Erfüllung prophetischer Heilsverheißungen darstellen, greifen sie eine im Tanach vorgeformte Armentheologie auf. Diese lässt sich für Martin Karrer nicht aus einem Einfluss etwa der kynischen Wanderphilosophen erklären, sondern aus Jesu bewusst provozierender charismatischer Außenseiterrolle, die eine „subversive“ Bewegung der Abweichler von religiösen und gesellschaftlichen Normen bewirkt habe.[27] Dies geht stets mit Hinweisen auf die Armen und Bedürftigen einher: So weist auch Jesu Antwort auf die Täuferfrage in Mt 11,4ff EU auf die für die damaligen Armen schon erfahrbare Veränderung hin, in der sich die biblische Verheißung eines „Jubeljahres“ zur Entschuldung und Landumverteilung (Lev 25) zu erfüllen beginne (Lk 4,18–21 EU mit Bezug auf Jes 61,1f EU).

Heiltätigkeit

Juan de Flandes – „Die Auferweckung des Lazarus“, um 1500

Hauptartikel: Wunder Jesu

Die Evangelien überliefern viele verschiedenartige Wundertaten Jesu, darunter Heil-, Geschenk-, Rettungs-, Normenwunder und Totenerweckungen. Die bei Markus häufigen Exorzismen lassen auf damals unheilbare Krankheiten wie Lepra, Grauen Star, Taubstummheit, Epilepsie und Schizophrenie schließen. Solche Kranke galten als „von unreinen Geistern besessen“ (Mk 1,23 EU). Man vermied Umgang und Berührung mit ihnen, verstieß sie oft aus bewohnten Orten und bedrohte so ihr Leben.[28]

Das NT berichtet häufig über Jesu Zuwendung zu Ausgegrenzten, auch Nichtjuden, und sein Heilwirken, das die Ursache der Ausgrenzung beseitigte: etwa durch Nähe, Berührung, Handauflegen oder Speichel (Mk 1,31 EU, 1,41 EU; 7,32f EU; Joh 9,6f EU). Meist vertreiben einfache gesprochene Befehle und Gesten die Dämonen und bewirken die Heilung (Mk 2,11 EU; 5,41 EU; Joh 11,43f EU u. a.). In den Rahmenversen werden Wunder Jesu oft als Einladung und Mahnung zu Glauben und Umkehr gedeutet. Nach meist für echt gehaltenen Worten Jesu sind sie Zeichen für den Beginn des Reiches Gottes und das Ende der Herrschaft des Bösen (Mk 3,22ff EU par.). Seine Heilerfolge hätten Jesus Misstrauen, Neid und Abwehr eingebracht, die Tötungspläne seiner Gegner ausgelöst (Mk 3,6 EU; Joh 11,53 EU) und Forderungen nach demonstrativen „Zeichen und Wundern“ bewirkt. Diese habe Jesus abgelehnt (Mk 8,11ff EU; 9,19ff EU).

Die NT-Forschung nimmt zumindest bei Exorzismus- und Therapietexten einen historischen Kern an, den die Urchristen später nach volkstümlichen und theologischen Motiven ausgestalteten, ergänzten und vermehrten. Wunderberichte erscheinen oft in antiken Quellen. Nach Gerd Theißen wurden damals aber nirgends so viele Wunder von einer Person berichtet wie von Jesus. Nur er habe die Heilwirkung dem Glauben der Geheilten zugesprochen („Dein Glaube hat dich gerettet“: Mk 5,34 EU; 10,52 EU; Lk 17,19 EU u. a.) und diese als Zeichen einer umfassenden Glaubenshoffnung verstanden. Dies sei nicht ohne sein Eigenwirken zu erklären.[29]

Tora-Auslegung

Die Bergpredigt (Mt 5–7) wird als „Lehre“ Jesu eingeführt (Mt 5,2 EU). Der Evangelist übernahm eventuell ihm vorliegende judenchristliche Zusammenfassungen dieser Lehre[30] oder komponierte sie selbst. Ihr Beginn erinnert Jesu Nachfolger an Israels Auftrag, als Volk Gottes „Licht der Völker“ zu sein (Mt 5,14ff EU;Jes 42,6 EU), indem es die Tora vorbildlich erfüllt. Mt 5,17–20 EU betont demgemäß, dass Jesus alle überlieferten Gebote erfüllen, nicht aufheben wollte. Ob er selbst das so sah, ist umstritten. Einige Gebote verschärfte er, andere entschärfte er, wieder andere relativierte er so, dass sie im Urchristentum aufgehoben wurden. Dies gilt heute als innerjüdische Toradeutung, nicht als Bruch mit dem Judentum.

Wie andere Rabbiner gab Jesus der Nächstenliebe den gleichen Rang wie der Gottesfurcht und ordnete sie damit den übrigen Torageboten über (Mk 12,28–34 EU). Er sah sich zu denen gesandt, die wegen Übertretungen verachtet wurden (Mk 2,17 EU):

Nicht die Starken brauchen einen Arzt, sondern die Kranken. Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten.

Gemeint sind hier jüdische „Zöllner“, die für die Römer Steuern eintrieben, oft dabei ihre Landsleute übervorteilten und daher gehasst und gemieden wurden. Jesus lud sie zum Teilen mit den Armen ein (Lk 19,8 EU) und deutete das Anhäufen von Besitz als Bruch des ersten Gebots (Mt 6,19f.24 EU). Erst mit der Besitzaufgabe für die Armen erfülle der gesetzestreue Reiche alle Zehn Gebote so, dass er zur Nachfolge frei werde (Mk 10,17–27 EU).

Die „Antithesen“ legen wichtige Dekaloggebote und das Vergeltungsgebot (Ex 21,23f EU) aus. Jesus betonte über den Wortlaut hinaus die innere Einstellung als Ursache des Vergehens: Das Tötungsverbot (Ex 20,13 EU) breche schon der, der seinem Nächsten bloß zürnt, ihn beschimpft oder verflucht. Er ziehe damit Gottes Zorngericht auf sich. Darum solle die zwischenmenschliche Versöhnung dem Opfern im Tempel vorausgehen (Mt 5,21–26 EU). Ehebruch (Ex 20,14 EU) begehe schon, wer als verheirateter Mann eine andere Frau begehrt (Mt 5,27–30 EU). Missbrauch des Gottesnamens (Ex 20,7 EU) und Lüge (Ex 20,16 EU) sei jeder Eid, nicht erst ein Meineid (Mt 5,33–37 EU). Weil Gottes Schöpfungstreue (Gen 8,22 EU) das Vergeltungsgebot (Gen 9,6 EU) begründet, gebot Jesus Feindesliebe gegenüber gewalttätigen Fremden als Gottes Geduld gemäße Vergeltung: Gerade auch Israels Verfolger seien als Nächste zu segnen, nicht zu hassen. Jesu Hörer und Nachfolger sollten übermächtiger Gewalt durch unerwarteten Gewaltverzicht begegnen, Feinde mit Fürsorge und freiwilligem Entgegenkommen überraschen und so „entfeinden“ (Mt 5,38–48 EU; Pinchas Lapide). Damit erinnerte Jesus an Israels Aufgabe, alle Völker zu segnen, um auch sie von Gewaltherrschaft zu befreien (Gen 12,3 EU).

Die in den Texten genannten Beispiele spiegeln eine von Hunger, Ausbeutung und Gewalt bedrohte Gesellschaft. Für Jesus konnte nur die Unterbrechung der Gewaltspirale, der Verzicht auf Gegengewalt (Mt 5,39 EU) die Herrschaft des „Bösen“ beenden und Gottes Reich herbeirufen.[31] Verachtung und Verurteilung anderer habe die gleichen Folgen wie die Gewaltausübung (Mt 7,1–3 EU)[32]:

Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet!
Denn wie ihr richtet, so werdet ihr gerichtet werden, und nach dem Maß, mit dem ihr messt und zuteilt, wird euch zugeteilt werden.
Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht?

Demgemäß rettete Jesus eine Ehebrecherin vor der Steinigung, indem er den Anklägern ihre eigene Schuld bewusst machte (Joh 8,7 EU): Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein! Dies wird als Entkräftung der Todesstrafe (Lev 20,10 EU) gedeutet. Obwohl der Satz in einigen der ältesten Handschriften fehlt, wird er oft für echt gehalten: Details wie das Schreiben oder Zeichnen auf dem Boden seien unerfindbar, die Aussage stimme mit echten Jesusworten überein.[33]

Anhänger

Hauptartikel: Nachfolge Jesu

Von Beginn seines Auftretens an berief Jesus männliche und weibliche Jünger (Mk 1,14ff EU) dazu, wie er Beruf, Familie und Besitz zu verlassen (Mk 10,28–31 EU) und mittel- und waffenlos umherziehend Gottes Reich zu verkünden. Sie gehörten meist wie er zum einfachen Volk, das verarmt und vielfach vom Hunger bedroht war. Sie wurden ausgesandt, um Kranke zu heilen, Dämonen auszutreiben und Gottes Segen weiterzugeben. Beim Betreten eines Hauses sollten sie mit dem Friedensgruß „Schalom“ die ganze Sippe unter Gottes Schutz stellen. Waren sie nicht willkommen, dann sollten sie den Ort verlassen, ohne zurückzukehren, und ihn Gottes Gericht überlassen (Mt 10,5–15 EU).

Frauen